Wenn meine Kinder lachen – Jens Sienknecht

WENN MEINE KINDER LACHEN.

(Vaterliebe. Bornholm klingt nach.)

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»Bobo, kennst du das?«

Aus dem Handy kommt ein Lied.

Ich höre ein paar Sekunden zu.

»Nein.«

»Du kennst das nicht?«

»Nein.«

Ein kurzer Blick in die Runde.

Offenbar hat der Ruf des Großvaters als wandelndes Musikarchiv soeben einen ersten Kratzer bekommen.

Wir sitzen an unserem langen Tisch im Ferienhaus auf Bornholm und spielen HITSTER. Auf jeder Karte befindet sich ein QR-Code. Einer scannt ihn mit dem Handy, ein Lied erklingt – und dann beginnt das große Raten.

Interpret?
Titel?
Und vor allem: aus welchem Jahr?

Die Karte muss an der richtigen Stelle in die eigene musikalische Zeitleiste gelegt werden.

Für einen Menschen, der seit Jahrzehnten Musik hört, Schallplatten gekauft, Kassetten bespielt und später Playlists zusammengestellt hat, klingt das zunächst nach einer durchaus lösbaren Aufgabe.

Bis ein Lied aus den letzten fünf Jahren kommt.

»2021«, sage ich.

»2017.«

Vier Jahre daneben.

Kann passieren.

Beim nächsten bin ich mir sicher.

»Das ist aus den Achtzigern.«

»1994.«

Nun gut.

Auch Großväter dürfen sich zeitlich verirren.

Die drei Mädchen spielen ebenfalls mit. Das ist schon erstaunlich.

Manche dieser Lieder sind Jahrzehnte älter als sie.

Trotzdem sitzen sie aufmerksam da.

»Das ist alt.«

»Wie alt?«

»Sehr alt.«

»Also vor 2000?«

Mit solchen Aussagen sollte man vorsichtig sein, wenn ein 76-Jähriger mit am Tisch sitzt.

Es wird geraten, widersprochen und gelacht. Karten wandern hin und her. Einer erkennt einen Interpreten sofort. Ein anderer ist felsenfest davon überzeugt, dass ein Lied mindestens zehn Jahre jünger sein müsse.

Und immer wieder dieses kleine Triumphgefühl:

»Hab ich doch gesagt!«

Dabei hatte der Tag ganz gewöhnlich begonnen.

Regen war angesagt gewesen. Deshalb waren wir nach Rønne gefahren. Ein bisschen Innenstadt, ein bisschen Einkaufen, eine neue Pfanne für Oma und Opa.

Und natürlich Softeis.

Ich stehe irgendwann mit zwei dieser riesigen dänischen Softeiswaffeln da und muss selbst darüber lachen.

So sieht also einer aus, der glaubt, seine Familie mit Eis versorgen zu müssen.

Ein paar Tage vorher war ich morgens wieder am Balka-Strand baden gewesen.

Und dort war plötzlich ein Bild aus einem anderen Leben da.

Vor vielen Jahrzehnten bin ich an diesem Strand schon morgens gegen halb sieben mit einem Kinderwagen unterwegs gewesen. Den Strand entlang Richtung Snogebæk und wieder zurück.

Der kleine Kerl sollte noch ein bisschen schlafen.

Und wahrscheinlich sollte auch sein Vater ein bisschen zur Ruhe kommen.

Ich sehe diesen jungen Mann heute beinahe vor mir.

Er schiebt seinen Kinderwagen durch den Sand und hat keine Ahnung davon, dass ihm dieser Augenblick knapp vierzig Jahre später wieder einfallen wird.

Damals war ich der Vater mit dem Kinderwagen.

Heute stehe ich morgens mit meinen Enkeln wieder an diesem Strand. Wieder in der Ostsee.

Derselbe Strand.
Dasselbe Licht.

Und irgendwo dazwischen ein ganzes Leben.

Als junger Vater war ich mittendrin.

Arbeit.
Kinder.
Schule.
Termine.
Einkaufen.
Auto reparieren.
Hausraten bezahlen.
Ferien planen.

Meine Liebe zu den Kindern war damals nicht kleiner.

Mit dreißig bestand Vaterliebe oft darin, etwas zu tun.

Trösten.
Fahren.
Reparieren.
Geld verdienen.
Vorlesen.
Warten.
Grenzen setzen.
Da sein.

Und vermutlich glaubt jeder junge Vater eine Zeit lang, dass dieses Leben einfach immer so weitergeht.

Man schiebt den Kinderwagen.

Und weiß noch nicht, wie kostbar allein das Schieben einmal sein wird.

Heute brauche ich für meine Kinder viel weniger zu tun.

Und gerade deshalb sehe ich sie genauer.

Vor ein paar Tagen stehen wir gemeinsam in der Küche.

Spaghetti Bolognese für eine große Familie.

Eine Enkelin will eine Packung Spaghetti öffnen.

»Wo ist eine Schere?«

»Komm, ich verrate dir einen Trick. Ohne Schere. Ganz einfach.«

Ich nehme die Packung und schlage das untere Ende kräftig auf die Arbeitsplatte.

Klack.

Offen.

Sie sieht mich an.

»Das kann ich auch.«

Natürlich kann sie das.

Die nächsten drei Packungen gehören ihr.

Mehr ist es nicht. Ein Handgriff in einer Ferienhausküche.

Keiner wird später vermutlich sagen:

»Weißt du noch, 2026, als Bobo uns gezeigt hat, wie man eine Spaghettipackung ohne Schere aufmacht?«

Obwohl – bei unserer Familie würde ich das nicht völlig ausschließen.

Aber Familie besteht eben auch aus solchen Dingen.

Aus Handgriffen.
Geschichten.
Rezepten.
Liedern.
Sätzen.

Aus etwas, das einer vormacht und ein anderer weitermacht.

Und aus Augenblicken, deren Bedeutung man oft erst Jahre später ganz versteht.

In meinem stillen Tagebuch frage ich mich abends oft:

War heute genug von dem dabei, was mir wichtig ist?

Mit sechsundsiebzig sind das immer seltener die großen Dinge.

Eher solche Augenblicke.

Ich möchte sie nur nicht übersehen..

Es ist fast 23 Uhr, als wir immer noch spielen.

Die kleineren Enkel schlafen längst in ihren Betten. Im Haus ist es ruhiger geworden. Am langen Tisch sitzen nur noch die Größeren und wir Erwachsenen.

Und irgendwann bin ich nicht mehr nur Mitspieler.

Ich schaue.

Meine beiden Töchter sitzen da.

Mein Sohn.

Die älteren Enkelkinder.

Alle reden durcheinander.

»Das kann niemals aus den Siebzigern sein.«

»Doch!«

»Bobo, du bist dran.«

»Moment. Ich muss erst mal hören.«

»Du hörst schon seit einer Minute.«

Gelächter.

Ich sehe meine Kinder an.

Nicht die Kinder von damals.

Die Erwachsenen, die aus ihnen geworden sind.

Und ich weiß, was hinter manchen dieser Gesichter liegt.

Jahre, in denen nicht alles leicht war.
Sorgen.
Abschiede.
Zeiten, in denen ich als Vater gern etwas abgenommen hätte und längst wusste, dass ein Vater seinen erwachsenen Kindern nicht mehr alles abnehmen kann.

Das gehört wohl auch zur Vaterliebe.

Früher glaubte ich, ich müsse etwas tun.

Heute weiß ich öfter, dass ich nur da sein kann.

Zuhören.
Mittragen.
Warten.

Und mich freuen, wenn das Leben für einen Abend leicht wird.

Meine Kinder lachen.

Für mich ist das an diesem Abend alles.

Ich sitze da, sehe in ihre Gesichter und höre ihre Stimmen.

Für ein paar Stunden muss niemand stark sein.

Niemand etwas regeln.

Niemand etwas aushalten.

Niemand irgendwohin.

Wir sitzen einfach an diesem langen Tisch auf Bornholm.

Ein Lied läuft.

Eine Karte wird falsch gelegt.

Die Mädchen am Tisch protestieren.

Und wieder geht das Lachen um den Tisch.

Ich merke, wie warm mir ums Herz wird.

Vaterliebe im Alter bedeutet für mich das:

Die eigenen Kinder anzusehen und nicht mehr ständig darüber nachzudenken, was man noch für sie tun müsste.

Sondern froh zu sein, dass sie da sind.

Dass sie ihren Weg gehen.

Dass sie lieben.

Dass sie selbst Eltern geworden sind.

Und dass sie an einem solchen Abend miteinander lachen können.

Vor knapp vierzig Jahren schob ich hier auf Bornholm einen von ihnen im Kinderwagen durch den Sand.

Heute sitze ich mit meinen Kindern und ihren Kindern an einem Tisch.

Dazwischen liegt unser Leben.

So viele Aufbrüche.

So viele Umwege.

So viele Sorgen.

So viele Abschiede.

Und zum Glück auch:

Wiederankünfte.

An diesem Abend brauche ich keinen besonderen Gedanken mehr.

Keine Erkenntnis.

Keinen Plan.

Ich sitze einfach da.

Sehe meine Familie.

Und höre sie lachen.

Auf dem Foto von diesem Tag sieht man es mir wohl an.

Bobo nennt es:

WOHLERFÜLLT.