Das doppelte Lottchen – Jens Sienknecht

DAS DOPPELTE LOTTCHEN UND UNSERE ZWEI

(Über Zwillinge, zwei Eisbären und das Glück gemeinsam aufzuwachsen.)

Achtung: Weiterleiten an Redaktionen Hamburg, Berlin. Copyright beachten.

Doppelte Lottchen»Heute schauen wir noch einen Film.«

Eigentlich ist es schon spät.

Eine liegt auf dem Boden.
Die andere auf dem Sofa.
Jede hat einen großen Eisbären im Arm.

Und die große Schwester sitzt daneben. Ohne Eisbär.

Hinter uns liegt ein schöner Tag mit den Enkelkindern hier in Buxtehude. Nun schauen wir gemeinsam »Das doppelte Lottchen« nach Erich Kästner, in der neueren Verfilmung von 2017.

Keines der Mädchen schläft ein.

Zwischendurch kommt ihr Papa nach unten. Vermutlich in der Hoffnung, ein eingeschlafenes Kind nach oben tragen zu können.

Vergebliche Mühe.
Kästner hat die Schlafenszeit übernommen.

Die Eisbären gehören bei uns unbedingt dazu. Früher gehörten sie unseren Kindern. Heute werden sie von deren Kindern in Beschlag genommen. Kaum sind die Enkel angekommen, holt sich jedes seinen Eisbären. Und der muss selbstverständlich auch mit ins Bett.

Wir haben die Bären all die Jahre aufgehoben.
Offenbar werden sie noch gebraucht.

Auf dem Bildschirm begegnen sich Lotte und Luise in einem Ferienheim. Zwei Mädchen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen und zunächst überhaupt nicht leiden können. Bis sie entdecken, dass sie Zwillinge sind.

Ihre Eltern haben sich getrennt, als die beiden noch klein waren. Jede ist bei einem anderen Elternteil aufgewachsen. Keine wusste von der anderen.

Nun wollen sie wissen, wer ihnen all die Jahre gefehlt hat.

Lotte und Luise nehmen die Sache selbst in die Hand.

Sie tauschen die Rollen und versuchen, ihre Familie wieder zusammenzubringen.

Darin liegt der schmerzhafte Kern dieser Geschichte:

Die Erwachsenen haben entschieden. Die Kinder müssen mit den Folgen leben.

Aber Kästner lässt sie nicht bloß darunter leiden. Lotte und Luise handeln selbst.

Das gefällt mir an der Geschichte.

Lotte fährt zum Vater, Luise zur Mutter. Während die Erwachsenen sich über das veränderte Verhalten ihrer vermeintlich vertrauten Tochter wundern, müssen die Mädchen sich in einem fremden Alltag zurechtfinden.

Unsere beiden sehen sich nicht zum Verwechseln ähnlich. Wer sie kennt, könnte sie niemals vertauschen.

Die eine ist die eine.

Die andere ist die andere.

Das war schon immer so.

Aber sie sind Zwillinge.

Ich schaue immer wieder vom Bildschirm zu ihnen.

Die eine auf dem Boden.
Die andere auf dem Sofa.

Beide völlig versunken.
Und beide so unverwechselbar sie selbst.

Zwillinge haben in unserer Familie eine längere Geschichte.

Momo, ihre Oma und meine Frau, ist ebenfalls eine Zwillingsschwester. Sie und ihre Schwester stehen sich bis heute sehr nahe. Und sind doch in vielen Lebensbereichen sehr verschieden.

Das kenne ich also schon deutlich länger, als ich Bobo heiße.

Zwei Menschen können denselben Geburtstag haben, viele frühe Erinnerungen teilen und einander eng verbunden sein. Trotzdem gehen sie unterschiedlich durchs Leben. Was der einen wichtig ist, muss für die andere längst nicht dieselbe Bedeutung haben.

Bei unseren Enkelinnen ist das ebenfalls schon deutlich zu erkennen.

Ich sehe sie zusammen und freue mich über ihre Verbundenheit. Und dann sehe ich jede einzeln. Mit ihrem eigenen Kopf. Ihren Vorlieben. Ihrer Art, auf die Welt zu reagieren.

Auf dem Bildschirm gelingt der Rollentausch.

Während der Film weiterläuft, denke ich an den Tag ihrer Geburt.

In meinem Buch »HERZ, SOFTEIS UND EINE INSEL« habe ich davon erzählt. Das Kapitel heißt »Willkommen, ihr Zwei«.

Damals glaubten wir, noch sechs Wochen Zeit zu haben.

Unser Wohnzimmer war gerade leer geräumt, der Parkettboden frisch geölt. Die Möbel sollten zurück an ihren Platz. Alles sollte fertig sein.

Dann hielt mir Momo an einem Mittwochmorgen das Handy hin.

Unsere Tochter war im Krankenhaus.
Die beiden Mädchen wollten früher kommen.

Kurz vor eins rief unsere Tochter an. Die Kleinen waren da. Noch so winzig.

Ich musste das Telefon weitergeben, weil ich so weinte.

Zum Glück saß ich auf dem Beifahrersitz.

Am Abend standen wir nach der langen Fahrt auf dem Krankenhausflur. Die Besuchszeit war längst vorbei. Eine Krankenschwester ließ sich erweichen.

Fünfzehn Minuten gingen noch.

Unsere Tochter saß müde im Bett, einen Apfel in der Hand. Die beiden Kleinen durften wir noch nicht sehen. Sie waren zu früh geboren und lagen im Brutkasten.

Aber unsere Tochter konnten wir sehen.
Und dieses Leuchten in ihren Augen.

Wir weinten vor Erleichterung.

Heute liegen die beiden bei uns im Wohnzimmer.
Mit Eisbären im Arm, die früher schon ihren Eltern gehörten.

Aus zwei winzigen Wundern sind zwei Mädchen geworden.

Eine liegt auf dem Boden.

Eine auf dem Sofa.

Beide sind gefangen von einer Geschichte, die Erich Kästner 1949 veröffentlicht hat und die Kinder und Erwachsene noch immer erreicht.

Ich schaue wieder zum Fernseher.

Inzwischen wird es für Lotte schwierig. Beim Vater gerät sie in eine heikle Situation. Gerade jetzt braucht sie die Verbindung zu ihrer Schwester. Über ihre Handys haben die beiden einander bisher helfen können.

Dann geht das Handy kaputt.
Der Kontakt bricht ab.

Lotte ist verzweifelt und wird krank.

Später entdeckt die Mutter den Rollentausch. Gemeinsam mit Luise ruft sie den Vater an. Schließlich machen sich die beiden auf den Weg nach Salzburg.

Die Schwestern finden wieder zusammen.

Am Ende wollen Lotte und Luise vor allem eines: zusammenbleiben.

Was aus ihren Eltern wird, muss sich erst zeigen.

Sie wollen nicht länger getrennt sein.

Und sie sagen es.

Unsere beiden mussten einander nie suchen.

Sie mussten nicht entdecken, dass irgendwo noch eine Schwester mit demselben Gesicht lebt. Sie mussten keine Rollen tauschen, um eine Mutter oder einen Vater kennenzulernen.

Sie durften miteinander aufwachsen. Erst über Decken krabbeln. Dann durch Gärten rennen. Sich streiten. Sich vertragen. Einander helfen.

Und gelegentlich sehr entschieden darauf bestehen, dass Zwillinge keineswegs immer dieselbe Meinung haben.
Sie wachsen zusammen mit ihrer großen Schwester auf. Mit ihren Eltern. Und mit Großeltern, bei denen noch die alten Eisbären warten.

Der Film wird bewegender, als ich erwartet hatte. Auch Kästners Geschichte endet nicht beim lustigen Rollentausch. Hinter allem steht die Sehnsucht zweier Kinder: nach Wahrheit, nach Nähe und nach einer Familie, in der niemand fehlt.

Ich sitze da und bin froh, dass sie hier sind.

Dann kommt diese Frage – fast unmittelbar nach Filmende:

»Bekommt die Lotte jetzt ein neues Handy?«

Ich muss lachen.

Bobo ist noch ganz bei den Schwestern, den Eltern und seinem gerührten Großvaterherzen. Eines der Mädchen hat dagegen längst bemerkt, dass der Film eine Angelegenheit unerledigt lässt.

Die Familie ist wieder beisammen.
Das Handy ist immer noch kaputt.

Eine durchaus berechtigte Nachfrage.

Ihr Papa kommt noch einmal nach unten. Diesmal lassen sich die Mädchen nach oben bringen. Die Eisbären kommen selbstverständlich mit.

Im Wohnzimmer wird es still.

Ich bleibe noch einen Augenblick sitzen und schaue auf die beiden Plätze.

Auf den Boden.

Auf das Sofa.

Später liege ich im Bett und denke an den Tag, an dem wir die beiden noch nicht sehen durften. An Momo und ihre Schwester. Und an diesen Abend, an dem ich unsere Mädchen immer wieder anschauen musste.

Eine auf dem Boden.
Die andere auf dem Sofa.
Jede mit ihrem Eisbären.

Mit diesem Bild schlafe ich ein.