DU BRINGST RUHE MIT.
(Über meine Mutter, Hesse und das Dableiben.)
»Wenn du da bist, und sei es nur für eine halbe Stunde, dann verbreitest du immer eine große Ruhe. Das tut mir so gut.«
Diesen Satz sagte meine Mutter vor drei Jahren zu mir. Sie war damals fünfundneunzig Jahre alt, stark sehbehindert und hatte Wasser in den Beinen. Trotzdem versuchte sie, jeden Tag ihre dreiundsechzig Schritte auf der Terrasse zu gehen.
Dreiundsechzig. Nicht sechzig.
Wer meine Mutter kennt, weiß, dass solche Unterschiede bei ihr durchaus eine Rolle spielen konnten. Wenn sie sich dreiundsechzig Schritte vorgenommen hatte, dann sollten es auch dreiundsechzig sein. Sie war alt und gebrechlich, aber deshalb noch lange nicht nachlässig.
Sie war ihr Leben lang daran gewöhnt, selbst anzupacken. Gemeinsam mit meinem Vater führte sie ein Obst- und Gemüsegeschäft. Dort wurde eingekauft, eingeräumt, gewogen, gerechnet und verkauft. Auf einem alten Foto steht sie in roter Schürze zwischen Kisten, Körben und einer großen Waage. Sie lächelt in die Kamera und wirkt wie eine Frau, die genau weiß, was zu tun ist.
Auch deshalb fiel es ihr schwer, nach und nach auf Hilfe angewiesen zu sein.
Ich fuhr damals jede Woche zu ihr. Hin und zurück waren es rund hundert Kilometer. Ich kochte für zwei oder drei Tage vor, kaufte für den Rest der Woche ein und kümmerte mich um alles, was sich in einem Leben ansammelt, das allein nicht mehr vollständig zu bewältigen ist: Lebensmittel, Medikamente, Fragen, Entscheidungen und Gespräche, bei denen ich häufig nicht wusste, ob meine Mutter eine Antwort erwartete oder nur jemanden brauchte, der ihr zuhörte.
Bi einem dieser Besuche sagte sie den Satz von der Ruhe, die ich mitbrächte.
Ich empfand ihn als eines der schönsten Komplimente, das sie mir machen konnte. Allzu viele hatte ich von ihr in meinem Leben nicht gehört. Sie lobte nicht mein Essen, sprach nicht über die vollen Einkaufstaschen und auch nicht über die gefahrenen Kilometer. Sie sprach von meiner Anwesenheit.
Offenbar veränderte sich etwas für sie, sobald ich das Zimmer betrat. Ihre Sorgen verschwanden nicht. Ihre Augen wurden nicht besser, das Wasser in den Beinen ging nicht zurück, und aus den dreiundsechzig Schritten wurden keine hundert. Aber für eine Weile wurde es ruhiger.
Damals war ich derjenige, der Ruhe ausstrahlte. Jedenfalls in diesem Raum und für diese halbe Stunde.
Heute, drei Jahre später, ist die Situation eine andere.
Meine Mutter ist inzwischen achtundneunzig Jahre alt, lebt in einem Pflegeheim und ist an Demenz erkrankt. Aus ihrem eigenen Zuhause, der Terrasse und den genau abgezählten Schritten ist ein klein gewordener Lebensraum geworden. Fast alles muss für sie getan und vieles für sie entschieden werden. Das Alter hat ihr nicht nur die Beweglichkeit und Selbstständigkeit genommen. Es nimmt ihr zunehmend auch die Erinnerung an das, was gewesen ist.
Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Altern ist ein schwieriges Geschäft.«
Dieser Satz stimmt noch immer. Nur weiß ich heute besser, wie schwierig dieses Geschäft tatsächlich ist. Es geht nicht allein um nachlassende Kraft, schlechte Augen oder unsichere Schritte. Es geht auch um den Verlust der eigenen Stellung in der Welt.
Meine Mutter war es gewohnt, etwas zu gelten. Im Geschäft, in der Familie und eigentlich überall, wo sie auftrat. Sie konnte stolz, bestimmend und in ihren Urteilen sehr sicher sein. Und auch ungerecht.
In meinem damaligen Eintrag schrieb ich sogar von ihrer Arroganz und Wichtigtuerei. Heute stolpere ich über diese Wörter. Sie sind nicht völlig falsch. Unsere gemeinsame Geschichte war keineswegs frei von Kränkungen, Widerständen und Auseinandersetzungen. Es wäre unehrlich, daraus nachträglich eine durchgehend innige Mutter-Sohn-Beziehung zu machen. Dennoch erscheinen mir diese Begriffe heute hart. Zu hart.
Die Demenz macht unsere Vergangenheit nicht ungeschehen und verwandelt das Schwierige nicht plötzlich in etwas Gutes. Aber sie verändert das Gewicht der Dinge. Früher konnte ich mich über einen Satz meiner Mutter mächtig ärgern. Heute wäre ich froh, wenn ein vertrauter Satz von ihr zurückkäme. Früher wollte und musste ich ihr widersprechen. Heute möchte ich sie erreichen.
Auch meine Aufgabe hat sich verändert. Damals kam ich mit gekochtem Essen und vollen Einkaufstaschen. Ich konnte ihren Alltag erleichtern und wenigstens einen Teil ihrer Probleme lösen. Heute kann ich ihr die Erinnerung nicht zurückbringen, die Demenz nicht aufhalten und ihr das Alter nicht abnehmen. Ich kann mich zu ihr setzen, ihre Hand nehmen, wenn sie es zulässt, mit ihr reden und mit ihr schweigen.
Ruhe auszustrahlen bedeutet deshalb heute etwas anderes. Damals konnte ich auch deshalb Ruhe ausstrahlen, weil ich handlungsfähig war. Ich konnte kochen, organisieren und Entscheidungen treffen. Ich hatte einen Teil der Lage im Griff.
Heute besteht Ruhe darin, auszuhalten, dass ich kaum noch etwas im Griff habe – vom bürokratischen Kram abgesehen. Das ist schwerer.
Ich habe mich lange für denjenigen gehalten, der einen Raum betritt und etwas ordnet. Mehr als vierzig Jahre Lehrer hinterlassen Spuren. Ein Lehrer sieht, was nicht funktioniert, überlegt, was getan werden muss, und wenn niemand anfängt, fängt er eben selbst an.
Auch in unserer Familie war und bin ich häufig derjenige, der plant, kocht, schreibt, erinnert und darauf achtet, dass nichts verloren geht. Doch seit meinem damaligen Tagebucheintrag habe ich erfahren müssen, dass sich längst nicht alles ordnen lässt.
Ich habe einen Sohn verloren. Ich bin an Krebs erkrankt und zum Glück wohl erfolgreich behandelt worden. Und mein Herz hat mir ziemlich unmissverständlich mitgeteilt, dass auch mein Körper nicht bereit ist, sich dauerhaft meinen Vorstellungen von einem geregelten Leben unterzuordnen.
Die alte Frage hat sich dadurch verschoben. Bin ich derjenige, der Ruhe ausstrahlt, oder derjenige, der beruhigt werden muss?
Heute lautet meine Antwort: Ich bin beides.
Es gibt weiterhin Menschen, denen meine Anwesenheit guttut. Das hoffe ich jedenfalls bei meiner Frau, meinen Kindern und Enkelkinder, bei Freunden und auch bei meiner Mutter.
Aber ich kenne inzwischen ebenfalls die andere Seite. Ich weiß, wie es ist, wenn eine Untersuchung bevorsteht, der Körper Warnzeichen sendet oder ein Verlust plötzlich wieder so gegenwärtig wird, als wäre kaum Zeit vergangen.
Dann brauche ich selbst einen Menschen, der nicht sofort eine Lösung anbietet und auch nicht behauptet, alles werde schon wieder gut. Einen Menschen, der einfach da ist.
Vor wenigen Tagen habe ich nach Jahrzehnten wieder Hermann Hesses »Narziß und Goldmund« gelesen. Ich hatte das Buch schon früher gelesen, vermutlich sogar mehrmals. Diesmal hat es mich stärker berührt. Gewiss nicht, weil ich klüger geworden bin. Ich bin älter geworden.
Ein Buch bleibt dasselbe. Der Leser, der es nach Jahrzehnten wieder aufschlägt, ist ein anderer.
Früher interessierten mich vor allem die beiden unterschiedlichen Lebenswege. Narziß, der Denker, bleibt im Kloster und versucht, das Leben zu verstehen. Goldmund zieht hinaus in die Welt. Er liebt, leidet, wird Künstler und will das Leben erfahren.
Heute sehe ich stärker, dass keiner von beiden allein die ganze Wahrheit besitzt.
Narziß erkennt früh, dass Goldmund nicht für das geregelte Leben im Kloster geschaffen ist. Er hilft ihm zugleich, die beinahe ausgelöschte Erinnerung an seine Mutter wiederzufinden. Sie hatte die Familie verlassen. Goldmunds Vater sprach von ihr als einer sündhaften Frau und ließ den Sohn glauben, er müsse durch ein frommes Leben ihre Verfehlungen sühnen. Aus der geliebten Mutter seiner Kindheit war so eine Frau geworden, für die er sich schämen sollte.
Durch Narziß erinnert Goldmund sich wieder daran, wie sehr er seine Mutter geliebt hatte. Er erkennt auch, dass er ihr ähnlicher ist als seinem Vater. Wie sie muss er das geordnete Leben verlassen und hinaus in die Welt.
Das Bild der Mutter begleitet ihn fortan. Er erkennt es in den Frauen, die er liebt, in der Lust, in der Geburt, im Schmerz und schließlich im Tod. Als Goldmund in einer Kirche eine geschnitzte Madonna sieht, berührt ihn deren Gesicht so stark, dass er selbst das Bildhauerhandwerk erlernt.
Sein größter künstlerischer Traum bleibt eine eigene Mutterfigur. Es soll kein genaues Abbild seiner leiblichen Mutter werden. Goldmund möchte eine große Eva-Mutter gestalten, in der das ganze Leben enthalten ist: Liebe und Angst, Geburt und Tod, Güte und Grausamkeit.
Diese Figur schnitzt er nie.
Lange glaubt er, sein Leben müsse deshalb unvollendet bleiben. Erst im Sterben begreift er es anders: Nicht seine Hände formen die Mutter. Nun ist es die Mutter, die ihn formt, ihn vom Leben löst und zu sich zurückholt.
Dann fragt er Narziß:
»Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben.«
Dieser Satz hat mich beim Wiederlesen getroffen.
Meine Mutter ist nicht Goldmunds große Eva-Mutter. Unsere Beziehung war zu widersprüchlich für solch vollkommenes Mutterbild. Aber sie hat mich geprägt – auch dort, wo ich mich gegen sie gewehrt habe, und auch in Eigenschaften, die ich nicht von ihr übernehmen wollte.
In mir selbst erkenne ich beide Seiten aus Hesses Buch. Von Narziß habe ich die Disziplin, das Schreiben, das tägliche Prüfen und den Wunsch, Ordnung in das Leben zu bringen. Die andere Seite kennt das Meer auf Bornholm, die Musik, lange Wege, Bücher, das Essen an einem großen Tisch, das Lachen meiner Kinder und die Fragen meiner Enkelkinder.
Wenn ich meine Mutter besuche, brauche ich beides: die Klarheit, nicht jede Veränderung zu dramatisieren, und die Offenheit für das, was in diesem Augenblick noch möglich ist. Einen Blick, eine Bewegung ihrer Hand, ein unerwarteter Satz oder ein kurzes Lächeln.
In der kommenden Woche werde ich wieder zu ihr fahren. Ich weiß nicht, in welcher Verfassung ich sie antreffen werde, ob sie mich sofort erkennt, etwas erzählt oder ob wir nur nebeneinandersitzen.
Ich werde keine Mahlzeiten für mehrere Tage mitbringen und keine dreiundsechzig Schritte zählen. Ihr früheres Leben kann ich nicht wiederherstellen.
Aber ich kann die Tür öffnen, zu ihr hineingehen und mich neben sie setzen.
Dann gilt für diese halbe Stunde womöglich noch immer der Satz, den sie mir vor drei Jahren geschenkt hat:
»Wenn du da bist, dann verbreitest du eine große Ruhe.«
Heute weiß ich, dass diese Ruhe nicht bedeutet, alles im Griff zu haben.
Sie bedeutet:
Ich bin da.