Der Sonntag hat einen eigenen Gang.
Nicht eilig. Nicht mit viel Hin und Her.
Eher so, als würde die Zeit selbst die Schultern sinken lassen.
Wir gehen los mit Tee. Warm. Für unterwegs. Es sagt: Wir haben Zeit. Und wir teilen sie.
Der Weg führt uns an Stimmen vorbei, an Wochenresten, an dem, was laut war. Noch bevor wir es merken, ist da dieses Lachen, diese Musik, dieses ungebremste Leben.
Wir gehen weiter. Vorbei am Tivoli Friheden. Zwischen den Bäumen tanzen bunte Lichter. Jubelrufe, Musik und Kinderlachen wehen zu uns herüber, mischen sich mit dem Klirren der Karussells und dem Quietschen der Schaukeln.
Oma bleibt stehen und lächelt hinüber.
»So klingt Lebensfreude«, sagt sie. »Ein bisschen wild. Ein bisschen schwindelig. Und wunderschön.«
Dann biegen wir in den Mindepark ein. Plötzlich wird es stiller. Grüner. Weiter. Hinter alten Bäumen schimmert ein Schloss mit gepflegtem Garten. Der Teich spiegelt das Licht. Die Menschen sprechen automatisch leiser, als hätten sie es abgesprochen.
»Hier wohnt manchmal die Königin«, flüstert Oma.
»Heute nicht. Es ist nicht geflaggt. Oder seht ihr irgendwo die rote Flagge mit dem weißen Kreuz? Also dürfen wir gucken.«
»Also los, ihr Majestäten, auf Entdeckungstour!«, ruft meine Schwester.
Wir schlendern durch den Schlossgarten, vorbei an duftenden Rosenbeeten, Buchsbaumhecken und Bänken, auf denen Menschen lesen oder einfach in die Sonne blinzeln.
Dann bleiben wir stehen.
Weil etwas ruft, ohne laut zu sein.
Nicht weit von uns sitzt ein älteres Paar auf einer Bank. Der Mann hält eine silberne Thermoskanne. Er schraubt sie langsam auf und gießt seiner Frau etwas Warmes in den Deckel. Kein Pappbecher. Kein To-go. Keine Eile. Nur zwei Hände, die sich finden.
Opa schaut einen Moment hin und sagt leise:
»So zieht Zärtlichkeit aus.«
»Sind die schon immer zusammen?«, flüstere ich.
»Vielleicht«, sagt er. »Und wenn nicht, fühlt es sich so an.«
Ein Windhauch geht durch die Bäume. Irgendwo klappert etwas.
Sonntag eben.
Manchmal, denke ich, braucht es nicht viele Worte.
Manchmal reicht eine Thermoskanne.
Und ein Leben, das man teilt.
Aus der Werkstatt, dem Garten, vom Küchentisch und manchmal vom Bornholmer Strand. Grüße von Jens
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