Bildungsvergleichsstudien

Warum bringen deutsche Schulrankings immer die gleichen Resultate? TIMSS, PISA, IGLU, KESS, VERA und viel andere Studien von immer anderen Autorenteams bescheren uns seit 12 Jahren immer wieder ähnliche Ergebnisse. Die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen schneiden bei Viert- und Neuntklässlern stets schlechter ab als die süddeutschen Flächenländer. Allerdings kommen sie auch zu dem Schluss, dass mit den deutschen Schulen ganz langsam alles besser wird. So hat Bremen beim “Bildungsmonitor” deutlich zugelegt, während sich Schleswig-Holstein plötzlich auf dem letzten Platz wiederfindet, immerhin aber wesentlich besser abschneidend als der momentane Spitzenreiter Sachsen im Jahre 2004. Bei allen diesen Rankings werden jedoch immer “Äpfel mit Birnen verglichen”, denn Sachsen hat einen Migrantenanteil unter Schülern von unter drei Prozent, während es in Bremen mittlerweile fast 50 Prozent sind. Die gute Erziehung eines Kindes gelingt nur mit einem Netzwerk von etwa 500 Bausteinchen, die sich, was Effekte anbelangt, alle wechselweise bedingen. Selbst qualifizierte Erziehungsfachleute widersprechen sich daher, wenn die Frage zu beantworten ist, worauf es vor allem in der Erziehung ankomme, so wie ESM-Rettungsschirm und Fiskalpakt ein viel zu hohes Maß an Vernetzt-denken-Können voraussetzen, um kompetent beurteilen zu können, ob so etwas auf Dauer dem Euro hilft. Mit der Schule ist es ähnlich. Kaum jemand kann wirklich sagen, was gute Schulen ausmacht, zumal für ein konkretes Kind eine ganz andere Schule gut ist als für das nächste. Junge Menschen tragen etwa 500 verschiedene Leistungsfähigkeiten in sich, von denen meist nur die Kompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften und Fremdsprachen gemessen werden. Von dem, was sie insgesamt können, wird also regelmäßig nur ein ganz kleiner Anteil ermittelt. So verwundert es nicht, dass bei wirtschaftlichen Kompetenzen eher Sachsen und Baden-Württemberg oben stehen, bei sozialen aber Nordrhein-Westfalen und Bremen. Schulformen, die alljährlich von der Robert-Bosch-Stiftung den Deutschen Schulpreis erhalten, sind durchweg Integrierte Gesamtschulen und Grundschulen. Sie haben oft jahrgangsübergreifende Klassen, sie sind meist gebundene Ganztagsschulen, sie arbeiten individualisierend, sie rhythmisieren mit einem Wechsel von Anspannung und Entspannung, sie bündeln die bisherigen vielen Fächer zu wenigen Lernbereichen, und sie halten Noten nicht für ganz so wichtig, weil sie mehr Wert auf Können als auf Wissen legen. Vor allem sorgen sie aber dafür, dass ihre Schüler mit ganz vielen Materialien voneinander lernen, so dass die Lehrkräfte ein Stück weit frei gesetzt sind, sich einzelnen Schülern mit Lern- oder Verhaltensproblemen zuwenden zu können. Wenn Grundschüler mit Migrationshintergrund einen Sprachentwicklungsrückstand von mehr als einem Jahr haben, dann wird offenbar, dass die seit Jahrhunderten bewährte Arbeitsteilung, mit der die Familie erzieht und die Schule bildet, heute bei mehr als 60 Prozent der Großstadtkinder nicht mehr funktioniert. Schule muss also auf fünffache Weise erzieherisch gestärkt werden, damit sie ihren Bildungsauftrag wieder erfüllen kann: – Unsere Kinder sollten wie die in den Niederlanden und in Luxemburg erzieherisch früher erfasst werden. Mit dem dritten Lebensjahr beginnend gibt es dort eine zweijährige obligatorische Vorschule, in der bereits zwei Fremdsprachen spielerisch, also sprechend, singend und mit Rhythmik eingeführt werden. “Auf den Anfang kommt es an” sagen dazu die viermaligen PISA-Weltmeister aus Finnland. – Die Einschulung muss mit dem fünften Lebensjahr stattfinden, weil immer mehr Kinder durch ihre Eltern frühgefördert sind und zugleich immer mehr Kinder vernachlässigt in die Schule kommen. – Ein längeres gemeinsames Lernen schafft deutliche mitreißende Effekte gegenüber schwachen Schülern. Die guten lernen nämlich durch Erklären viereinhalb mal so viel wie durch Zuhören; und da Schüler von anderen Schülern doppelt so viel lernen wie durch Lehrkräfte, lernen also beide Gruppen mehr. – Zwei große Studien belegen, dass Eltern von Ganztagsschülern sich abends, wochenends und in den Ferien viel mehr um ihre Kinder kümmern als Eltern von Halbtagsschülern. Ganztagschulen stärken also die Familien erzieherisch erheblich. – Vor 15 Jahren waren meine Lehramtsstudenten noch nicht begeistert, wenn ich mit ihnen über Hausbesuche und Elternstammtische zu Erziehungsthemen (in Kanada sind sie als “parent raps” selbstverständlich) sprechen wollte. Das sei nicht Aufgabe von Schule, merkten sie an. Heute wissen die Hamburger Lehramtsstudenten bereits vor ihrem 1. Semester, dass sie nie und nimmer im “Raubtierkäfig Schule” klar kommen werden, wenn sie auf beides verzichten. Lehrkräfte müssen also künftig über die Kompetenzen für ihre beiden Fächer hinaus auch zu Erziehungshelfern gegenüber Eltern, zu diagnostischen und therapeutischen Fachleuten gegenüber “verhaltensoriginellen” Kindern und zu Managern der Beschaffung sinnvoller Lernmaterialien ausgebildet werden. Wenn Deutschland mit seinem Beitritt zur entsprechenden UN-Konvention seine Sonderschulen weitgehend abschaffen will, dann braucht es viermal so viele Sonderschullehrer wie heute. Erst dann ließe sich die zur Zeit umgesetzte “Billiglösung” der Inklusion, mit der man einer Grundschullehrerin zwei Behinderte dazu gibt, während sich an ihren sonstigen Bedingungen nichts ändert, effizent überwinden. Die “Lehre von den sinnvollen Größen” sagt uns nämlich eindeutig, die optimale Klassenfrequenz sei 18 Schüler, bestehend aus zwei Jahrgängen, zwei Behinderten und bis zu 30 Prozent Migrantenkindern in zwei Räumen bei zwei Pädagogen. Erst dann könnten wir eine gesellschaftliche Integration, wie sie über die finnischen Schulen möglich geworden ist, erreichen.

Die Unterrichtsstundenbelastung deutscher Lehrkräfte ist im europäischen Vergleich gesehen extrem groß. Bis zu 29 Wochenstunden müssen sie in dem noch vorherrschenden Modell Halbtagsschule unterrichten. In Skandinavien müssen sie nur 16 Wochenstunden in einer Ganztagsschule geben, können aber durch Zusatztätigkeiten (Nachhilfe, Hausbesuche) ihr Gehalt erhöhen. Die deutsche Halbtagsschule vermag weder für die Schüler noch für die Lehrkräfte Lebensmittelpunkt zu sein. Eine Ganztagsschule ist das hingegen für beide Gruppen automatisch. Als Gerhard Schröder einst den unseligen Satz gegenüber einer Schülerzeitungsredaktion “Ihr wisst doch, was das oft für faule Säcke sind” formulierte, standen die deutschen Lehrkräfte in der Beliebtheitsskala der Berufe auf dem drittletzten Platz vor Journalisten und Politikern. Heute stehen die Banker ganz unten, die Grundschullehrerinnen schon wieder auf Platz 4 und die Gymnasiallehrer auf Platz 11. Immer mehr Bürger haben offenbar erkannt, dass Lehrersein heutzutage keine “kleine Morgenstelle mit guter Bezahlung und vielen Ferien” mehr ist, sondern vor dem Hintergrund völlig veränderter Kinder einer der härtesten Berufe überhaupt. “Multitasking” nennt der Psychiater Joachim Bauer das, was Pädagogen inzwischen zu leisten haben. In Finnland stehen die Lehrkräfte im Ansehen stets auf Platz 1, und die besten Abiturienten wollen dort Lehrer werden. Da man aber nur einen von zehn Bewerbern aufnehmen kann, kommt man nur nach einem langen Gespräch mit zwei Professoren ins Studium und nicht wie bei uns aufgrund einer Abi-Durchschnittsnote, mit der man gewiss nicht unbedingt die für Kinder so wichtigen guten Pädagogen erhält. Infolge der Einflüsse der multimedial vernetzten Kinderzimmer haben bereits Grundschüler völlig andere Hirnvernetzungen, mit denen sie völlig anders lernen als frühere Generationen. Sie können wegen der vielen Bildschirmreize nicht mehr gut zuhören, sie sind in Mathe und Naturwissenschaften mit 15 Jahren besser als früher, sie zeigen infolge vieler gewaltreiche Spiele und Filme emotionale Verluste, eine geringere Bindungsfähigkeit und eine erhöhte Schmerzunempfindlichkeit. Vor allem bringt aber der Umgang mit Fernsehgerät, Playstation, Computer und Smartphone (neun Stunden spielen deutsche Grundschüler im Schnitt pro Woche Computerspiele) eine sehr ergiebige Fehlerkultur mit sich. Durch Spielen wird das Belohnungssystem im Hirn gestärkt. In ihm sitzen Neugier, Kreativität und die Fähigkeit, in kritischen Situationen sinnvolle Auswege zu finden. Wenn man diesen neugierigen, kreativen und konfliktkompetenten Kindern aber bereits ab Klasse 2 oder 3 Noten gibt, beeinträchtigt man dieses Belohnungssystem wieder. Verwirrungen sind lernfördernd, aber nur wenn sie nicht mit Beschämung einhergehen. Gibt man Kindern früh Noten, lernen sie für Noten zu lernen, abder nicht für die Sache, für sich und für ihre Zukunft. Ab 14 Jahren muss man Jugendlchen übrigens Noten geben. In Norwegen und Schweden beginnen die Noten daher erst in Klasse 9 und in Dänemark in Klasse 8. 60 Prozent der Mädchen, aber 90 Prozent der Jungen lernen nur gut durch Handeln, Ausprobieren und nebenbei, während 40 Prozent der Mädchen und nur 10 Prozent der Jungen zur Not auch durch Sehen, Lesen und Zuhören etwas lernen können. Die Mehrheit der Mädchen und fast alle Jungen lernen also am besten durch Ausprobieren, also über Um- und Irrwege. Kanada ist zweimal PISA-Vizeweltmeister geworden, dort heißt das oberste Motto der Schulgestaltung: “Fehler und Probleme sind Freunde beim Lernen”. Selbstverständlich spielen auch Geld und Klassenfrequenzen eine Rolle, wenn es um erfolgreiche Schulen geht. Sachsen hat wegen des demografischen Rückgangs kleine Klassen, Bremen und Hamburg haben zu große Klassen. Die Schulen in Bayern und Baden-Württemberg sind hervorragend ausgestattet, die in Bremen und Nordrhein-Westfalen eher nicht.

Viel wichtiger ist aber, dass erfolgreiche Schulen immer einen Konsens im Lehrerkollegium haben. In 15 Jahren Lehrerfortbildung in ganz Europa fällt mir immer wieder auf: Frauen jedweden Alters und junge Männer stimmen den neuen, uns weiterbringenden Lernweisen häufiger zu als ältere Männer, aber diejenigen, die zustimmen, sind fast in jedem Kollegium in der Minderheit. Eltern, die Schule meist so beurteilen, wie selbst als Kind Schule erlebt haben, stimmen hingegen mehrheitlich den notwendigen Veränderungen der Lernweisen zu, wenn man ihnen 90 Minuten lang etwas über Hirnforschung erzählt hat. Kinder, die nicht gut reden können und zugleich ein geringes Selbstwertgefühl zeigen, werden am häufigsten sowohl Opfer als auch Täter von Gewalt, und umgekehrt. Das gilt aber auch für die Lernfähigkeit: Bei gleicher Intelligenz lernen selbstbewusste Kinder etwa doppelt so viel wie Kinder mit zahlreichen Niederlagen in ihrem Leben. Durch nichts aber lässt sich der Selbstwert besser erhöhen als durch Theaterspielen, durch Musikmachen und durch sogenannte “Dritte”, also Menschen aus dem wirklichen Leben (Künstler, Sportler, Handwerker, …). Gute Schulen arbeiten also nicht nur mit Berufspädagogen.

Abschließend sei noch bemerkt, dass Schulen, die mit Klasse 4 oder 6 enden, nur selten sehr erfolgreich sind, weil ihre Lehrkräfte keine Verantwortung bis zum Abitur und zum Abschluss der Berufsschule übernehmen müssen. Und Schulen, die erst mit Klasse 5 oder 7 beginnen, werden auch selten gut, weil es für das neue erfolgreiche Lernen längst viel zu spät ist. Die allerbesten deutschen Schulen, die zum Abitur führen, also die Jenaplanschule in Jena, die Montessori-Gesamtschule in Potsdam und die Neue Max-Brauer-Stadtteilschule in Hamburg, haben daher dafür gesorgt, dass ihr Bildungsplan in der eigenen Grundschule beginnt.

Text: Prof. Dr. Peter Struck 
Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist sein Buch “Die 15 Gebote des Lernens” – auch als Hörbuch – erschienen.