Es gibt Steine, die liegen einfach nur da: kalt, hart, schwer. Pflastersteine, Hinkelsteine. Und dann gibt es welche, die sind anders. Die liegen nicht einfach nur – sie warten.
So einen Stein finden wir in Snogebæk. Den Kaffesten.
Ein flacher, grauer Brocken mit Meerblick. Morgensonne. Kaffeeduft. Weiße Schrift.
Jeden Morgen sitzt jemand daneben. Auf einem Brett aus Treibholz. Eine Frau, in einen Bademantel gewickelt, mit einem Kaffeebecher in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Sie sieht aus, als würde sie zuhören. Auch das, was keiner sagt. Fast so, als sammelt der Stein die Gedanken ein, bevor der Bornholmer Wind sie fortträgt.
Zuerst denke ich, dass sei einfach nur ein Platz zum Ausruhen.
Aber Opa sagt:
»Das ist ein Stein, der zuhören kann. Einer mit Geduld. Manche setzten sich daneben, um loszulassen. Und manche, um festzuhalten.«
Wir schauen uns an. Ein bisschen ungläubig. Und doch fühlt es sich richtig an. Manchmal weiß man etwas, bevor man es versteht.
Dann begreifen wir: Das ist kein gewöhnlicher Stein. Das ist einer, der Geschichten aufbewahrt. Genau wie Opa.
Und jetzt erzählt er seine. Von dem Stein. Von der Frau. Und von einem Morgen, an dem wir merken: Steine können Freunde sein, wenn man ihnen Zeit gibt.
Vielleicht kann kein Stein wirklich Gedanken behalten. Aber dieser hier scheint es zu können. Vielleicht, weil er aus der Insel selbst gewachsen ist.
Der Platz am Meer
Oma und Opa gehen jeden Morgen baden. Und kommen immer an der Frau und ihrem Stein vorbei. Heute bin ich mit.
Der Himmel ist hell. Das Meer dampft noch ein wenig. Möwen kreisen und rufen, als würden sie jemanden begrüßen.
Ich flüstere:
»Wer ist sie?«
Opa schaut hinüber.
»Jemand, der weiß, was wichtig ist. Und was man loslassen kann. Und muss.«
Wir bleiben stehen. Opa spricht sie an.
Sie lächelt. Ihre Stimme klingt wie warmer Wind.
Sie erzählt vom Haus ihres Vaters, direkt hier vorne am Strand. Davon, dass er es fast allein gebaut hat. Von Kindern und Enkeln. Von Sommern mit Lachs. Und Eis mit heißen Früchten.
Und davon, dass der Kafesteen ihr Platz zum Nachdenken ist. Über ein Leben, das schnell vergeht – und trotzdem voller schöner Dinge steckt.
»Seit über zwanzig Jahren sitze ich hier«, sagt sie.
»Neben meinem Kaffesten.«
»Wie ein Schatz«, murmelt Oma.
Die Frau nickt.
»Ja. Vielleicht genau so.«
Zwei Tage später ist sie weg. Bei ihren Kindern. Und der Stein auch. Einfach verschwunden. Als hätte jemand dem Morgen das Herz genommen.
»Den hat jemand gestohlen«, sagt Opa schließlich.
»Gestohlen? Einen Stein?«
Ich begreife es nicht. Man kann doch keinen Stein klauen, auf dem jemand seine Gedanken abgestellt hat!
Opa sagt lange nichts. Dann schaut er aufs Meer.
»Manche Dinge sind klein«, sagt er leise.
»Aber sie bedeuten alles.«