FÜNF TÜREN NACH BORNHOLM (Warum fünf Lieder manchmal fast ein ganzes Leben erzählen.)

Jens Sienknecht

 

 

 

 

 

 

Seit gestern sind wir wieder auf Bornholm.

Wie immer beginnt die Reise schon einige Tage vorher.

Nicht mit Kofferpacken.

Sondern mit Musik.

Ich sitze am Schreibtisch und stelle eine neue Playlist zusammen.

Oder besser gesagt: Ich tue so.

Denn am Ende landen doch wieder fast dieselben alten Freunde darin.

Van Morrison.

Paul Brady.

Friedrich Gulda.

Hanne Boel.

Diesmal sind es nur fünf Lieder geworden.

Keine Hitparade.

Eher ein kleines Tagebuch zum Anhören.

Das ist wohl der eigentliche Grund, warum ich vor jeder Bornholmreise fast dieselben Lieder heraussuche.

Jedes von ihnen öffnet eine Tür.

Zu einem Menschen.

Zu einem Sommer.

Zu einem Anfang.

Enlightenment

Die erste Tür führt nach Den Haag.

Kaum erklingen die ersten Töne von Van Morrison, bin ich nicht mehr im Arbeitszimmer.

Ich sitze wieder im Konzertsaal.

Unsere niederländische Schwiegertochter trägt ihr erstes Kind unter dem Herzen.

Meine Enkelin erlebt dort ihr erstes Konzert.

Noch bevor sie geboren ist.

Morgen wird sie ein Jahr alt.

Ich frage mich, ob sie irgendwann lächeln wird, wenn sie dieses Lied hört.

Ohne zu wissen warum.

Wir erinnern uns eben nicht nur mit dem Kopf.

Viel häufiger erinnert sich auch das Herz.

Mozarts Klavierkonzert Nr. 21, C Major, K. 467: II. Andante

Die zweite Tür führt noch weiter zurück.

Keine beliebige Aufnahme.

Friedrich Gulda.

Vor vielen Jahren las ich von einem schwedischen Frauenarzt, der dieses Klavierkonzert werdenden Müttern vorspielte.

Es sollte Ängste lindern und Vertrauen wecken.

Seitdem gehört diese Musik für mich zu jedem Anfang.

Ob ein Mensch schon vor seiner Geburt durch Mozart ein Gefühl von Geborgenheit bekommen kann?

Ich weiß es nicht.

Vielleicht ist das nur eine Einbildung.

Aber eine schöne.

Ich höre dieses Stück bis heute nie, ohne an unsere Kinder zu denken.

Und inzwischen an unsere Enkel.

Oceans Of Time

Die dritte Tür öffnet sich mitten im Wohnzimmer.

Paul Brady.

Es gibt Lieder, die hört man.

Und es gibt Lieder, zu denen man lebt.

Oceans Of Time gehört für mich dazu.

Vor einigen Jahren tanzte ich mit einer drei Monate alten Enkeltochter auf dem Arm durchs Wohnzimmer.

Heute läuft sie längst selbst durch die Welt.

Nur das Lied ist geblieben.

Der Titel stimmt ja.

Wir besitzen die Zeit nicht.

Aber manchmal bleibt sie trotzdem für einen Augenblick stehen.

Light In Your Heart

Die vierte Tür führt wieder nach Bornholm.

Sommer 1990.

Wir kommen gerade mit der Fähre auf der Insel an.

Unser roter Ford Kombi ist bis unters Dach gepackt.

Oben liegen die Fahrräder.

Am nächsten Morgen fahren nach Snogebæk, Brötchen holen.

Hinten sitzt Nele. Drei Jahre alt.

Aus dem Kassettenrecorder erklingt Light In Your Heart.

Ich merke, dass mir Tränen über das Gesicht laufen.

Vom Rücksitz fragt eine kleine Stimme:

»Papa weint? Warum?«

Ich drehe mich kurz um, muss lächeln.

»Ach, kleine Maus«, sage ich, »da sind gerade so viele Lichter in meinem Herzen. Da muss ein Papa manchmal einfach vor Dankbarkeit weinen.«

Sie schaut mich einen Moment an.

Dann nickt sie.

Als wäre das die selbstverständlichste Antwort der Welt.

Und das war sie auch.

Inarticulate Speech of the Heart

Die letzte Tür führt an keinen bestimmten Ort.

Und gleichzeitig überallhin.

Van Morrison nennt dieses Stück Inarticulate Speech of the Heart.

Die unaussprechliche Sprache des Herzens.

Ich habe diesen Titel nie vergessen.

Er beschreibt etwas, das jeder kennt.

Es gibt Augenblicke, in denen Worte nicht mehr ausreichen.

Wenn ein Kind geboren wird.

Wenn wir einen geliebten Menschen umarmen.

Wenn wir nach vielen Stunden auf See zum ersten Mal Bornholm sehen.

Dann übernimmt die Musik.

Sie erklärt nichts.

Sie bewertet nichts.

Sie ist einfach da.

Seit vielen Jahren begleitet mich dieses Stück auf dem Weg zur Insel.

Jedes Mal höre ich etwas anderes.

Mal Dankbarkeit.

Mal Sehnsucht.

Mal einfach nur das Gefühl, angekommen zu sein.

Früher dachte ich, ich sammle Schallplatten.

Dann Kassetten.

Später CDs.

Heute Playlists.

Gestern fiel mir beim Suchen nach diesen fünf Liedern dies alte Foto in die Hände.

Unser roter Ford Kombi auf der Fähre.

Fahrräder auf dem Dach.

Kinder auf der Rückbank.

Kassetten im Handschuhfach.

Damals ahnte ich nicht, dass nicht nur dieses Foto bleiben würde.

Sondern auch die Musik.

In Wahrheit habe ich nie Musik gesammelt.

Sondern Erinnerungen.

Ist das der eigentliche Soundtrack eines Lebens?

Keine großen Hits.

Sondern ein paar Lieder, die plötzlich eine Tür öffnen.

Heute sind wir mit siebzehn Menschen auf Bornholm.

Und diese Musik ist wieder mitgekommen.

Wie seit so vielen Tagen.

Eigentlich suche ich deshalb vor jeder Reise gar nicht nach den richtigen Liedern.

Sondern nach jenen Augenblicken, in denen das Herz eine Sprache spricht, für die es keine Worte gibt.

Dann genügt ein einziger Ton.

Und sie sind alle wieder da.

PS: Wer mag, kann uns auf Bornholm musikalisch begleiten.

Die fünf Lieder dieser Reise habe ich in einer kleinen Apple-Music-Playlist zusammengestellt.

Vielleicht führt eines davon auch dich zu einer Tür, die du schon lange nicht mehr geöffnet hast.

https://music.apple.com/de/playlist/fünf-türen-nach-bornholm-2026/pl.u-AkjmeTbVzl1

Aus der Werkstatt, dem Garten, vom Küchentisch und manchmal vom Bornholmer Strand. Grüße von Jens

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